Der Tanz der Lebenskraft, des Lebens selbst.

(1) Biodanza, die Poesie der menschlichen Begegnung.

Biodanza erlaubt uns, über die Grenzen unserer Kultur hinauszugehen und unser natürliches Wesen zu entdecken, denn die Kultur berücksichtigt nicht notwendigerweise alle Bedürfnisse des menschlichen Wesens.
Im Laufe der Menschheitsgeschichte wurde jeglicher Ausdruck der Individualität als eine Bedrohung für die bestehende Ordnung angesehen. Trotz des Enthusiasmus, mit dem sie sich zur Verteidigerin des Individuums erklärt, begünstigt unsere Kultur auf verschiedene Art und Weise den Konformismus und diejenigen Beziehungen, die von Konkurrenzfähigkeit, Diskriminierung und Aggression geprägt sind, kurzum und aus humanistischer Sicht gesehen, pathologische Beziehungen. Die Fadheit und die Vorhersehbarkeit des modernen Lebens beruhigen uns auf angenehme Weise, sie betäuben uns gar bis zu dem Punkt, an dem wir das Leben selbst völlig ausblenden.

Die Unterdrückung der Lebenskraft ist eine Diagnose, die für den größten Teil der emotionalen Probleme gestellt werden könnte, über die allgemein bei Therapien gesprochen werden.

Das Erwecken der Lebenskraft verlangt eine Herangehensweise, die über die Bewusstmachung und das rationale Verständnis unserer inneren Welt und ihrer Beziehungen hinausgeht. Anhand der durch Biodanza erlangten Erfahrung riskieren wir, uns einzugestehen, dass das Bewusstsein die Konflikte, die uns am Ausdruck der Ganzheit unseres Wesens und damit dem Erreichen unseres eigenen Glücks hindern, nicht zu lösen vermag.

Bei Biodanza wird eine Umkehr der Erkenntnistheorie, das heißt des Zugangs zu unserem Wissen vorgenommen. Normalerweise denken wir, dass wir durch das Denken erkennen. Biodanza geht davon aus, dass wir durch das Erleben erkennen. Der im Hier und Jetzt gelebte Moment reicht in seiner Intensität aus, um eine Erfahrung von organischer und unbewusster Auswirkung hervorzurufen. Diese Erfahrung hat einen Zustand zur Folge, der durch das Verstehen des Bewusstseins nicht erreicht werden kann. In dem Moment, zum Beispiel, in dem wir uns einer Erfahrung bewusst werden, ist das Wichtigste bereits passiert. Das Erleben findet in einem Raum und einer Zeit statt, die vor dem “Bemerken” liegt. Dieser Raum wird weder durch Sprache noch durch Kultur begrenzt. In ihm begegnet man sich wirklich selbst. Dies ist der Raum unseres natürlichen Wesens.

 


 

(2) Biodanza integriert in seiner Methodologie die Kunst, Erlebnisse in den Menschen auszulösen.

Musik, Bewegung und Erleben:

Eine holistische Herangehensweise an die Musik und den Tanz als integrierter Ausdruck des Lebens muss fähig sein, den traditionellen Ablauf von Stimulierung und Reaktion zu überwinden (das heißt: “Ich tanze auf diese Musik”). Was die alte dualistische lineare Auffassung “Kopf-Körper”, Ursache-Wirkung, widerspiegeln würde, wäre eine Sichtweise, die “Stück-Erlebnisse” fördert, welche in den Menschen bereits vorhandene Dissoziationen noch verstärkt.
Biodanza setzt die Musik in der Gestalt ein, dass sie die Bewegung und die Emotionen wie ein System von aufeinander einwirkenden Elementen vereint. In diesem Zusammenhang wandelt sich die musikalische Wahrnehmung in eine Erfahrung, die die Ganzheit des Wesens umfasst. Der Klang verschmilzt mit der Identität in einem umfassenden Integrationsprozess, der das strikt Hörbare übersteigt. Wir “hören” nicht die Musik, wir erschaffen sie neu durch subtile und komplexe Resonanzmechanismen, die sowohl die Zellen als auch die Gedanken durchdringen: “Wir sind Musik”, und unser Tanz ist der dieser Ontologie entsprechende Ausdruck.

 


 

Erleben-Genuss-Identität

Die Identität wird durch die Wiedererlangung des Wunsches zu leben gestärkt. Unsere Gesellschaft, so gepräg

t von vorgegebenen Zielen und der Angst vor Neuem, unterstützt keineswegs die Wahrnehmung des Lebens in seiner Einfachheit und seiner Schönheit. Unsere Wünsche und unser Anrecht, in einem Paradies zu leben, sehen sich bedroht. Wenn wir erreichen, dass die Menschen sich mit ihrem Wunsch, zu leben, erneut verbinden, dann nimmt jegliches selbstzerstörerisches Verhalten ab oder verschwindet sogar ganz.

Das Erleben des Genusses, wie zum Beispiel durch Zärtlichkeit, dann wenn ein Mensch bereit ist, diese anzunehmen, hat eine grundlegende biologische Funktion. Darüber hinaus erlaubt er die Entfaltung des Selbstbildes: Den Körper als Quelle des Genusses zu spüren, fördert die Entwicklung der ganzen Identität und des Selbstwertgefühls.

Die Evolution ist der Akt des Lebens, der nicht durch die Vernunft gelenkt werden kann. In diesem Punkt fördert Biodanza die Evolution: Sie verbindet erneut mit der Lebensenergie, mit dem Instinkt.

 


 

(3) Der Instinkt, die organisierende Kraft:

Zu Beginn wurde Biodanza “Psico-Danza” (= “Psycho-Tanz”) genannt. Dieser Name war jedoch nicht umfassend genug, um diejenigen Aspekte der Evolution der Lebewesen einzubeziehen, um die es gehen sollte; die ursprünglichen Lebensquellen zu wecken, die da sind: die Vitalität, die Sexualität, die existentielle Kreativität, die Affektivität – was die Liebe den Menschen und allen anderen Lebewesen gegenüber betrifft -, und die Transzendenz im Erleben der Zugehörigkeit zu einer höheren Einheit.

Biodanza agiert über die Instinkte. Der Instinkt ist eine Kraft von biologischer Ordnung, die in die kosmische Ordnung eingebettet ist: Die Verschmelzung mit dem Ganzen als Erlebnis, das über die metaphysische Begriffswelt hinausgeht.

Die kosmische Kraft gestaltet die Welt, und der Instinkt ist ihr Ausdruck in den biologischen Organismen. Der Instinkt ist weder ungeordnet noch brutalisiert er. Genauso wenig ist er etwas, was wir fürchten müssten. Der Instinkt ist die Kraft der Ordnung und der Erhaltung.

Der Wunsch, zu leben ist der psychologische Teil des biologischen Instinktes der Bewahrung. Er befindet sich im Kern jedes Menschen und drückt sich in allen körperlichen Funktionen aus, die lebenserhaltend wirken: das Schlagen des Herzens, das Ein- und Ausatmen und die unzähligen Aktivitäten der verschiedenen Organe, Gewebe und Zellen.

Das, was den biologischen Organismus am Leben erhält, ist der Instinkt. Dies ist die Kraft, die ihn gehen lässt und in Bewegung hält, um am Leben zu bleiben, um seine Nahrungsbedürfnisse, sein Bedürfnis nach Ortsveränderung, nach Schutz und Liebe zu befriedigen.

Das, was an Göttlichem im menschlichen Wesen existiert, ist seine instinktive Ursprünglichkeit.

 


 

(4) Wie kommt diese Sichtweise bei Biodanza zum Ausdruck?

– Die Bewegung, Spiegel des Universums in integrierenden Riten
Biodanza besitzt anthropologische und kosmologische Wurzeln.
Der Tanz und die Bewegung sind der Spiegel des Kosmos.
Zum Beispiel: Intuitiv spürte der Mensch, dass die Kreisförmigkeit für ihn sehr natürlich war.
Heute wissen wir, dass die Bewegung des Universums kreisförmig ist: Wenn wir die Sterne betrachten, die Milchstraße in Form einer Spirale und die Formen der Natur, die ein Hologramm dieser Formen bilden, wie zum Beispiel die Muscheln.

Bei Biodanza beginnen wir im Kreis, der sich später im Verlauf des Kurses wiederholt. Jedes Mal also, wenn jemand an einem kreisförmigen Ritual teilnimmt, erneuert er eine höhere Ordnung.
In dem Maße, in dem wir uns durch den Akt des Erlebens in diese Ordnung einfügen, erneuern wir unser Dasein als Mensch innerhalb des Tanzes des Universums.

Wenn wir uns – von Emotionen getragen – bewegen, verbinden wir uns nach und nach mit den Kräften der natürlichen Ordnung, die in uns sind. In dem Maße, in dem wir in der Wahrnehmung von uns selbst und in unserem Ausdruck authentisch sind, verwandelt uns die Handlung des Ausdrucks an sich. Wenn wir Angst haben, drücken wir Angst aus; wenn wir Schmerzen haben, drücken wir Schmerzen aus; wenn wir uns freuen, bringen wir auch diese Freude zum Ausdruck, genauso wie die Zuneigung, die Liebe und die Ekstase.

Bei Biodanza ist die Bewegung eine von Emotionen gelenkte Bewegung in dem Sinne, dass sie eine doppelte Funktion hat: mit meinem Ausdruck zeige ich “der Welt”, wer ich bin, und – da ich nicht getrennt von der Welt lebe – verwandle ich diese, indem ich mich zum Ausdruck bringe. Wenn sich die Welt verändert – verändert sich meine Wahrnehmung. Der Tanz erlaubt der Identität, sich zum Ausdruck zu bringen und sich gleichzeitig zu verändern.

– Biodanza, ein Prozess fortschreitender Entwicklung in einer Stamm-Gruppe:

Bei den ersten Schritten beabsichtigt Biodanza, um es einmal mit Worten von Professor Rolando Toro, dem Begründer von Biodanza zu sagen, “wieder eine gelassene und kindlich-unschuldige Lebenseinstellung herzustellen, indem der Übende sein neuro-physiologisches Grundgleichgewicht zurück erlangt, es lernt, erneut seiner inneren Uhr zu folgen, seine Atmung und seine Verdauung – zwei grundlegende Funktionen unserer Existenz – in Ordnung zu bringen, freier und entspannter in seinen Bewegungen zu werden, es lernt, bei Bedarf zu schlafen und herauszufinden, wie er glücklichere affektive und sexuelle Beziehungen führen kann.

Die Dissoziation zwischen dem oberen und dem unteren Teil unseres Körpers, zum Beispiel, entspricht voneinander abweichenden Grundeinstellungen.
Bei Biodanza wirken wir bei einem Prozess der Integration mit, der auf einer Ebene der sensibilisierten Bewegung in unserer ganzen Körperlichkeit beginnt.
Anschließend erfolgt die affektiv-motorische Integration: das heißt, wir geben unseren Handlungen denjenigen emotionalen Stellenwert, den sie brauchen. Eine Sache zu fühlen, aber eine andere – womöglich gegensätzliche, ohne existentiellen Zusammenhang – zu tun geschieht sehr häufig im Leben und zieht schwere Konsequenzen nach sich, sogar im Hinblick auf die physische und psychische Gesundheit, da diesen Handlungen jegliche Wirkung fehlt.

Die Biodanza-Gruppe verwandelt sich in kurzer Zeit in einen vertrauten Ort des Wachstums, eine sichere “Basisstation”, in der jeder echte Gefühle spüren und sich so zeigen kann, wie er wirklich ist.
Der Leiter, “facilitador” (= “Ermöglicher/Erleichterer”) genannt, begleitet lediglich diesen Prozess, bei dem jeder Einzelne für seine eigene Entwicklung verantwortlich ist.
Mit anderen Worten: Der Ermöglicher leitet eine Übung an, die eine “Unordnung” der gewohnten Muster zur Folge hat. Danach könnten wir sagen, dass er diese durcheinander gebrachte Bewegung zurück auf den Weg einer Neu-Ordnung führt. All dies unter Ausschaltung des Bewusstseins von dem, was gerade passiert und durch eine fortlaufende Methodologie, die zwischen zwei Wahrnehmungszuständen der Identität pendelt: Dem Erlebnis, “Ich selbst” zu sein und der regressiven Trance, der Verschmelzung mit dem Ganzen.

 


 

Die Kunst, zu leben: Höchstes Ziel bei Biodanza.

Schließlich ist das erstrebte Ziel von Biodanza, über die affektiv-motorische Integration hinaus zu gelangen. Das Entstehen von ehrlichen Verbindungen wird gefördert. Die Teilnehmer entwickeln Mitgefühl, Solidarität und die Fähigkeit, ihr Leben anderen Personen gegenüber zu öffnen, dies innerhalb eines von Mal zu größer werdenden Rahmens freundschaftlicher Beziehungen und jeglicher Art von Liebe (Eltern, Kinder, Geschwister, Verliebte). Dadurch wird eine neue Sensibilität gegenüber der menschlichen Spezies geschaffen.

Es handelt sich um eine Arbeit fortlaufender Entwicklung, während der die Teilnehmer nach und nach einen neuen Lebenssinn finden, eine neue Werteskala in Übereinstimmung mit ihrer eigenen Wesenheit. Sie erkennen mit größerer Klarheit, was sie sich in ihrem Leben wünschen, und sie machen sich auf den Weg dorthin. Sie wertschätzen das Leben erneut und das Wunder, das in jedem von uns und unser gleichen steckt. Jeder beginnt, Veränderungen in seinen Lebensentscheidungen vorzunehmen (mit wem er lebt, was er macht und wo er lebt). Gleichzeitig verwandelt er sich in einen Botschafter der Gesundheit und des Friedens für seine Umgebung.

Text: MCA, erschienen in Matrix 2006